Tiermarkt & Hutprobe

By angelikainecuador

Wir fahren durch die Nacht. Die beiden Jungs können im Bus eher nicht so gut pennen. Peter ist einfach ein bisschen zu groß für den (nicht vorhandenen) Platz in den Bussen und neben Olli hat ein sehr umfangreicher Mensch Platz genommen, der mit seiner dicken Daunenjacke über seinen Sitz hinauszuquellen scheint. Er sitzt also auch etwas beengt. Ich dagegen habe ganz gut schlafen können, ich bin ganz erstaunt, als ich irgendwann wach werde und feststelle, dass es draußen langsam wieder hell wird.

Oliver Glaser)

Wir starren alle drei aus den Fenstern, in der Hoffnung, irgendwo ein Ortsschild zu entdecken. Natürlich gibt es keines. Also hoffen wir, dass der Busbegleiter (in ecuadorianischen Bussen gibt es immer zwei: einen Fahrer und einen anderen, der das Gepäck verstaut, Fahrkarten kontrolliert und verstaut und in den Überlandbussen auch den Videorecorder bedient…) noch behalten hat, dass wir Touris nach Latacunga wollen, und uns schon bescheid sagen wird.

Obst- und Gemüsestände.

Irgendwann hält der Bus an einer Straßenecke. Latacunga? Latacunga! Wir steigen aus und fragen uns durch zum nächsten Bus, dem nach Saquisilí. Ein Rumpelbus, der ziemlich voll wird. Platzangstgefahr! Ein sehr nettes ecuadorianisches Pärchen fragt uns, wo wir hinwollen (zum Markt), erklärt uns, wo wir aussteigen müssen (noch eine Station weiter) und weist uns auf den Tiermarkt hin (der nur bis neun Uhr stattfindet). Und schließlich stehen wir, morgens um kurz vor sieben mit unserem ganzen Gepäck, mitten in Saquisilí. Um uns herum das Gewusel und die Menschenmengen eines großen Marktes.

Oliver Glaser)

Viele, viele Stände sind aufgebaut: mit Haushaltswaren, Klamotten, Second-Hand-Kram, Lebensmitteln, Obst und Gemüse. Wir wollen nun aber doch zuererst zum Tiermarkt. Vielleicht ein Lama kaufen?, schlage ich zum Spaß vor. Das könnte dann mein Gepäck tragen? Wir marschieren los, es ist noch ein Stückchen bis zu dem großen Platz. Gleich am “Eingang” des Marktes erwartet uns ein Stand mit gegrillten Schweineköpfen… Schon da habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Der Tiermarkt ist ein einziges Gewimmel von Vieh, Menschen, Fahrzeugen und Ständen mit Vieh-Zucht-Equipment und großen Büscheln mit Kräutern als Tierfutter. Kälbchen blöken, Kühe brüllen, Schweine grunzen. Die Schafe sind unvorstellbar dreckig.

Überhaupt sind viele Tiere sehr ungepflegt und es wird viel gezerrt und gezogen, geschubst oder geschlagen, wenn sie nicht so wollen, wie ihre (neuen?) BesitzerInnen. Am Straßenrand stehen ein paar Pferde, wohl auch zum Verkauf. Sie sind furchtbar dünn, die Knochen stehen heraus und am liebsten möchte ich sie davontragen – die Vorstellung, mich auf so ein Pferd draufzusetzen oder es gar mit schweren Lasten zu beladen, erscheint mir absurd.

Die von mir heißgeliebten Lamas mit ihren großen langbewimperten Augen gucken panisch hin und her in der ganzen Hektik. Und was ich völlig gemein finde und voher gar nicht gesehen habe: In den Ohren haben sie große Löcher, durch die ein Seil gezogen ist, an dem sie geführt werden! Kühe stehen auf wackeligen Beinen auf irgendwelchen Pick-Ups. Ein Schaf wird einfach oben auf einen Bus getragen, dort angebunden und steht dort, unsicher und blökend. Viele Schweine wechseln ihreN BesitzerIn – und wir wissen genau, die landen bald als Spanferkel am Straßenrand. Olli reicht es bald, er stellt sich irgendwo abseits und wartet dort auf Peter und mich. Aber auch wir haben bald genug gesehen.

Bei der HutprobeOlli mit Schlapphut.

Wir gehen zusammen zurück zum Hauptmarkt und landen als erstes an einem Hutstand. Wir machen eine Hutprobe. Peter entscheidet sich schließlich für einen braunen Filzhut à la Indiana-Jones.

Endlich! Wir haben, seit ich in Ecuador bin, bestimmt schon zwanzig Läden geentert und Peter hat diese Hüte anprobiert. Er konnte sich aber dann doch nie entschließen… Der Verkäufer geht Geli mit Seppelhut.nochmal einen Dollar im Preis runter: Es war an diesem Morgen sein erster Verkauf. Olli und ich probieren auch Hüte – wissen aber nicht so recht…

Ich entdecke bald nebenan einen Stand mit verzierten Kürbissen. Und bin total entzückt! Die Kürbisse haben unterschiedliche Formen und Größen, sind getrocknet und ganz leicht und hart, und an der Außenseite mit filigranen Schnitzereien – Urwald mit ineinander verschlungenen Pflanzen und Tieren, Szenen aus dem Alltag der Indígenas – verziert.

KalebassenIch überlege lange – und bezahle dann doch 22 Dollar für eine etwa faustgroße Kalebasse. Ich hatte den Preis nochmal runtergehandelt, vermutlich zahle ich trotzdem zuviel. Aber die Verkäuferin ist furchtbar nett und wenn ich an die Arbeit denke, die in diesem Teil steckt… Und noch ehe ich das gute Stück im Rucksack verstaut habe, werde ich gleich von der freundlichen (und sehr verkaufstüchtigen!) Frau an den nächsten Stand gezogen.

Klamottenstand.Hier gibt es Strickwaren und Wollpullis. Ob ich nicht eine Hängematte haben will? (Nein, nein.) Oder ein Jäckchen? (Heute nicht.) Oder einen Alpaca-Schal (Ich habe doch einen um!) Oder hier, ganz was Tolles: eine Alpaca-Decke? (Sehr schön, aber nein.) Ich habe doch schon so viel Geld für den Kürbis ausgegeben. Aber der Olli kriegt angesichts der Decke blinkende Augen. Und die Verkäuferin wittert ihre Chance und legt noch mal nach: So eine schöne Decke und so weich! Und weil auch das ihr erster Verkauf an diesem Morgen ist, gibt’s nochmal Rabatt. Schließlich kauft er sie.

Panela-Kauf.

Alle drei sehr zufrieden mit unseren Schnäppchen ziehen wir weiter und schauen jetzt mal in der Lebensmittel-Abteilung vorbei. Es sind auch einige Stände aufgebaut, an denen Panela verkauft wird. Diesen braunen Rohrzucker gibt es auch in Deutschland, allerdings in “normaler” Zuckerform, also Kristallen, für die Zuckerdose. Hier auf dem Markt kann man/frau Panela in runden Klumpen von mehreren Kilo kaufen. Und da Peter mal gehört hat, dass Panela der Höhenkrankheit entgegenwirken soll und schnell Kraft spendet bei Wanderungen, kaufen wir ein Stückchen.

Oliver Glaser)

Das Black Sheep Inn ruft! Die Rucksäcke werden schwerer und schwerer und die Sehnsucht nach einer Tasse Kaffee größer und größer (Und im Black Sheep Inn gibt es den ganzen Tag Kaffee und Tee – for free!).

Doch der nächste Bus nach Chugchilan fährt erst um halb eins. Was tun? Ein junger Ecuadorianer spricht uns an, als wir ein bisschen ratlos an der Bushaltestelle rumstehen. “Fahrt doch mit nach Sigchos! Und von da aus mit mir und ein paar anderen weiter nach Chugchilan mit einem Pickup. Das geht viel schneller!” Gesagt, getan. Wir steigen ein und rumpeln los…

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