Die Fahrt mit dem Bus hält für Olli und mich noch ein kleines Abenteuer bereit: In Guayaquil ist die Straße überschwemmt, wir fahren mitten durchs knietiefe Wasser. In Riobamba am „Terminal Terrestre“, dem Busbahnhof, wartet schon Peter auf uns, der sich den Jeep von Stephanus geliehen hat. Wir sind alle ein bisschen gerädert: Olli und ich sitzen schon ewig im Bus, Peter hat für die Strecke von Cuenca über sechs Stunden gebraucht.
Und jetzt müssen wir noch durch die Nacht und die „Urbina“ finden, unsere Hosteria am Fuß des Chimborazo. Es sind noch mal ein paar Kilometer, bis wir von der Panamericana abbiegen und auf einer Art Feldweg in die Einsamkeit fahren, bis wir irgendwo ein Licht sehen. Angekommen!
Die Urbina ist ein alter Bahnhof, der aber schon seit sieben Jahren nicht mehr angefahren wird. So lange schon ist der Schienenverkehr eingestellt, fährt die berühmte Ecuadorianische Eisenbahn, deren Bau viele Menschenleben gekostet hat und die als die „schwierigste Eisenbahnlinie der Welt“ gilt, bis auf einige Teilstrecken, nicht mehr. Der aktuelle Präsident Ecuadors, Rafael Correa, hat vor Amtsantritt versprochen, die Eisenbahn wieder fit zu machen. Bisher ist nichts passiert. Auch an „unserem“ Haus in Cuenca führen die Schienen vorbei, allerdings völlig zugewuchert.
Rodrigo, Hostalchef und begeisterter Bergsteiger, begrüßt uns herzlich. Wir sind an diesem Abend die einzigen Gäste, noch. Erst ab Samstag wird mehr los sein, denn am Sonntag findet ein Radrennen statt, das „Chimborazo Xtremo“. Gestartet wird in Zweierteams an der Urbina (die auf 3600 m über dem Meeresspiegel liegt), dann folgt eine Abfahrt von 10 Kilometern (und 300 Höhenmetern) und wenn die geschafft sind, geht es nur noch bergauf, hoch auf 4800 Meter, zur ersten Schutzhütte des Chimborazo…
Peter hat fleißig für dieses Rennen trainiert und ist mehrmals mit dem Rad von Cuenca aus in den Cajas-Nationalpark gefahren, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Er hat aber leider keineN PartnerIn gefunden. Starten kann er trotzdem – in der sogenannten Touristenklasse, die nach dem offiziellen Start losfahren darf. Nach einem leckeren Abendessen in der Urbina – bei dem Olli und ich aber nicht allzuviel runterkriegen, die Höhe macht uns ein bisschen dusslig im Kopf und verdirbt uns den Appetit – fallen wir müde ins Bett.
Am nächsten Morgen sind wir früh auf den Beinen und draußen: Wir wollen den Chimborazo sehen (und fotografieren). Und tatsächlich, da ist er mit seinem schneebedeckten Gipfel und nur eine kleine Wolke versperrt die Sicht. Vor der Urbina grasen Lamas.
Anders als zum Beispiel in den Alpen wo ganze Bergketten zu sehen sind, ist hier in den Anden einfach alles sehr hoch und grün, und nur vereinzelt ragt ein richtig hoher, schneebedeckter Berg heraus, wie der Chimborazo (li) oder auch der Carihuayrazo (Bild oben). Das lässt leicht vergessen, in welcher Höhe man/frau sich aufhält. Nach einem leckeren Frühstück mit Mate-de-Coca-Tee (100 Prozent Coca-Blätter, gut gegen Höhenkrankheit) machen wir einen Spaziergang, immer an den stillgelegten Schienen entlang.
Später am Nachmittag fahren wir die Rennstrecke ab. Soweit es geht. Denn nach der sehr holprigen und schlammigen Abfahrt können wir nur ein Stück weit der Bergauf-Strecke folgen: Bald sind zu viele große Felsen auf dem Hohlweg, wir kommen mit dem Auto nicht weiter und müssen umkehren. „Für die Abfahrt brauche ich mindestens eine Stunde!“, seufzt Peter, „das geht in die Arme!“ Und wie mag es dann weiter gehen, bergauf? Ob er mit der Anstrengung in der Höhenluft zurechtkommt? Ob er genug trainiert hat?
Nach und nach wird es voll in der Urbina.
Die „Verrückten“ (wie Olli und ich sie mehr oder weniger heimlich nennen) trudeln ein und versammeln sich zu einem gemeinsamen Abendessen. Es gibt Spaghetti – und die Musik spielt dazu: Eine All-Indígena-Band spielt ein paar Klassiker zur allgemeinen Aufmunterung, unter anderem „hasta siempre“ ( „Aquí se queda la clara, la entranable transparencia, de tu querida presencia, comandante che guevara“) .
Aber die Stimmung ist gespannt, es knistert förmlich in der Luft, schließlich sind alle KonkurrentInnen (ja, es fahren auch eine handvoll Frauen mit). Erfahrungen werden ausgetauscht, vom letzten Rennen und überhaupt. Es wird fleißig getrunken, um einer Dehydrierung vorzubeugen und um neun Uhr liegen alle im Bett, um am nächsten Tag fit zu sein. Auch Peter ist in Gedanken: „Wie viele Lagen Klamotten ziehe ich an?“ – „Nehme ich die dicken Handschuhe mit?“ – „Reicht meine Trinkflasche aus?“
Früh um sechs sind quasi alle auf den Beinen. Es wird an Fahrrädern geschraubt, Müsli und Rührei reingeschaufelt und werden Bananen verstaut. Ein Aufblasbares „Start-Tor“ wird vor der Urbina aufgebaut. Nach und nach legen alle ihre Radel-Kluft an und holen ihre Startnummern ab.
Unser Plan sieht folgendermaßen aus: Nachdem Peter gestartet ist, fahren Olli und ich im Jeep die Autostrecke bis zur Chimborazo-Schutzhütte. Zwischendurch treffen die Fahrradfahrer zwei mal auf diese Hauptstraße für die Autos, an diesen beiden Punkten wollen wir versuchen, Peter zu treffen und mit Getränken und Bananen zu versorgen.
Wo diese Stellen genau sind? Keiner weiß was. Es gibt bloß einen kryptischen Plan, der sich aber an keinen Maßstab hält und auf dem die Hauptstraße für die Autos als „Asphaltstraße“ eingezeichnet ist. „Ich nehme die dicken Handschuhe doch mit!“ ist sich Peter schließlich sicher. Ich mache mir Gedanken über die vielen Schlaglöcher auf „meiner“ Strecke, denn ich werde den Jeep fahren. Rodrigo macht mir das Angebot, dass ich ihm hinterher fahren kann. Okay.
Noch ein letztes Mal wird die Aufstellung am Start überprüft. Peter isst eine letzte Banane. Das Megaphon dröhnt: Es geht los! Olli und ich stehen noch am Straßenrand und sehen Peter davoneilen – und gleich darauf fährt Rodrigo in seinem Auto an uns vorbei, hinter ihm eine Schlange weiterer Autos. Auch er stand schon in den Startlöchern, sein Kopf ragt aus dem Fenster als er mich sucht: „La chica, dónde está la chica!?“ Da hat er mich entdeckt und ich winke ihn vorbei, denn so schnell kann ich ihm nicht folgen. Wir müssen also die Strecke alleine finden.
Unser Gepäck ist längst verstaut, wir starten den Wagen und folgen zunächst der Radstrecke. Die holperige, steinige, mit Schlaglöchern übersäte Abfahrt. Es ist trockener als am Tag zuvor. Und als wir uns, etwa 20 Minuten nach dem Start des Rennens den RadfahrerInnen folgend auf die Piste begeben, ist von denen schon keiner mehr zu sehen, bis auf eine arme Seele, die am Straßenrand Reifen flickt. An der Kreuzung – wo wir der „Autostrecke“ folgen, die RadfahrerInnen aber auf den Hohlweg mit den dicken Felsen abgebogen sind, hat sich eine Gruppe Zuschauer versammelt. Von den TeilnehmerInnen keine Spur, sie sind durch. Und Peter somit rasant schneller, als er sich das gedacht hatte! Wir müssen uns also beeilen, möglichst flott zum ersten Treffpunkt zu kommen.
Wir kurven ein bisschen rum, schlagen aber dann die richtige Richtung ein – bis wir an eine Stelle kommen, wo ich einfach nicht mehr weiter weiß. Mitten in einer kleinen Ortschaft tut sich statt der Straße eine Art Schlammloch auf, mit kleinen Seen, rechts und links ein Zaun. Ich halte an, was soll ich machen? Ein junger Mann spricht uns an: Andere Autos seien auch schon durchgefahren. Einfach mittenrein und dann rechts entlang, das sollte klappen.
„Olli, was machen wir, wenn wir stecken bleiben?“ Die Antwort: ein Schulterzucken. Ich hole tief Luft, schalte den Allrad-Antrieb an und gebe Gas. Das Auto schlingert, aber schließlich greifen die Reifen und ein paar Sekunden später sind wir durch. Yes! Der Typ guckt. Ich bin erleichtert und übermütig: Ja, Frauen können auch Auto fahren! Und es macht Spaß!
Wir fahren weiter, immer noch keine Asphaltstraße, kein Treffpunkt in Sicht. Es geht durch Wälder, Wiesen, kleine Ortschaften. Und wieder wird die Straße so schlecht, dass wir anhalten müssen. Hinter uns kommt ein Bus. Aber der Plan, den zuerst einmal vorbeizulassen und ihm abzugucken, wie ich am besten fahre, scheitert. Der Bus bleibt ebenfalls stehen, der Busfahrer steigt aus und besieht sich die Huckelpiste.
Ich fahre nach kurzer Besprechung mit ihm („Ja, die Richtung stimmt. Einfach geradeaus, dann kommt die Asphaltstraße!“) und Olli („Du schaffst das schon!“) weiter. Dank Allrad klappt das auch. Und irgendwann nach Stunden und etlichen nervösen Blicken auf die Uhr, endlich: die heißersehnte „calle asfalto“.
Wo mag Peter jetzt sein? Ob er den Treffpunkt schon passiert hat? Nachdem er die Abfahrt wie der Sausewind hinter sich gebracht hat, wird er kaum Energie verbraucht haben und guter Stimmung sein, also schnell. Am Straßenrand stehen weitere „Versorgungs-Autos“, die nach und nach weiterfahren. Wir treffen auch Rodrigo wieder, der zur nächsten Station unterwegs ist. Die Polizei, die den Übergang gesichert hat, baut auch schon ab. Aber vereinzelte RadfahrerInnen kommen noch. Wir halten Ausschau. Und beschließen dann: Peter ist flotter! Wir fahren zum nächsten Treffpunkt weiter.
Da haben wir mehr Glück! Wir können ein Stück der Radstrecke einsehen und ja, da ist das rote Fahrrad, das gelbe T-Shirt, der silberne Helm: der Peter! Wir machen schnell ein Getränk fertig (Wasser mit Magnesium-Brausetablette) und halten die Bananen parat.
Peter freut sich, dass es mit dem Treffen geklappt hat und zieht sich noch schnell eine Jacke über. Wir verabreden als nächsten Treffpunkt das Ziel an der Schutzhütte. Dann geht es weiter. Peter ist gut drauf, findet: „Es läuft gut“. Von wegen läuft! Es geht doch die ganze Zeit bergauf! Als wir ihn mit dem Auto überholen, feuern wir ihn noch ein bisschen an.
Das kann er auch gebrauchen, denn das Wetter wird richtig schlecht. Es beginnt zu regnen. Dann wandelt sich der Regen langsam in Schneehagel je höher wir kommen und es wird neblig. Ich kann auch nur noch ganz langsam fahren und immer wieder überholen wir die armen RadfahrerInnen, die sich mittlerweile auf der schneebedeckten und vereisten Straße in die Höhe strampeln.
Der arme Peter! Er weiß ja nicht, was er noch alles vor sich hat! Wie lange er wohl für dieses letzte Stück brauchen wird? Oben angekommen, sitzen Olli und ich im Jeep, essen was, hören Musik. Das wird sicher noch ein bisschen dauern. Und ich bin hundemüde, die Fahrt war schon im Auto mega-anstrengend.
Plötzlich ruft Olli: „Da! Das war Peter!“ Wir springen aus dem Auto, bepackt mit warmen, trockenen Klamotten. War er es tatsächlich? Jetzt schon?! Leider haben wir auf einem Parkplatz geparkt, der noch ziemlich weit weg von der Hütte ist (was wir aber wegen des Nebels gar nicht gesehen haben). Ich renne los und finde Peter nach einigem Suchen in Hütte, die vollgepackt ist mit aufwärmenden und essenden RadsportlerInnen. Er hüpft auf der Stelle und reibt sich die Hände: Die sind eiskalt geworden, weil er dann doch nicht mehr anhalten wollte, um die Handschuhe anzuziehen. Jetzt, als sie wieder wärmer werden, schmerzen sie heftig.
Aber ansonsten ist er seeeehr zufrieden und natürlich megastolz (ich auch!), dass er es bis hier herauf geschafft hat. Und dazu noch in einer Superzeit! Peter strahlt: Etwa drei Stunden und 45 Minuten hat er gebraucht. Was für das erste Mal richtig, richtig gut ist. Das beste Männerteam mit „Galo“, einem Radsportfreak aus Cuenca, hat das Rennen in zwei Stunden und 24 Minuten geschafft.
Irgendwie klettert er in die warmen Klamotten, wir machen noch ein Foto mit Rodrigo, der auch wieder aufgetaucht ist, und dann setzen Peter, Olli und ich uns in unser absolut vollgestopftes Auto und fahren zurück, nach Cuenca. Auf dem Weg nach unten kommen uns noch eine ganze Zeit lang schnaufende RadfahrerInnen entgegen…
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