Hört sich ja erst mal toll an: Goldgräberstadt. Man/frau denkt an wild-düstere Gestalten, die mit Säckchen ihres gesammelten Goldes am Gürtel durch die Stadt schlurfen, einen Goldnugget zum Bezahlen auf die Saloon-Theke knallen und Whiskey trinken. Wie im Western halt. Ich hatte das in meiner Phantasie dann ein klein wenig südamerikanisch abgewandelt: Die Jungs tragen keinen Cowboyhut, aber Poncho. Und vielleicht trinken sie nicht Whiskey, sondern Canelaso. Und vielleicht sind die Goldnuggets auch nicht ganz so groß, wie im Film – oder eher im Tresor in der Bank und schon in Dollarnoten umgewandelt.
Auf der Fahrt nach Zaruma – regnet es. In Bächen. In Strömen. Es ist dunkel, nass und ungemütlich als wir uns in den Bergen Kilometer um Kilometer, Kurve um Kurve auf die Höhe von 1200 Meter bis zu dem Städtchen hinaufschrauben. Der Anstieg ist enorm, dicht an dicht
stehen die Häuser, in die Steilhänge gebaut.
Wir haben zwei Übernachtungen im Hotel Roland reserviert, das unübersehbar türkis, direkt an der Hauptstraße liegt und sich über fünf Stockwerke erstreckt. Oben, an der Straße ist die Rezeption, wo wir einchecken. Dann müssen wir Treppe um Treppe, vier Stockwerke, nach unten, bis wir eine Art Terrasse erreichen. Dort befinden sich rings um die Plattform die “cabañas”, buntangemalte Häuschen, je eines ist ein Doppelzimmer mit Bad, und bilden einen Ring um den Swimmingpool, der in der Mitte liegt.
Von unserem Zimmerfenster aus haben wir einen atemberaubenden Blick in die Berge, wo gerade die Abendsonne mit einem letzten Strahlen versinkt – und es geht noch mal tief nach unten. Unter dem Fenster wachsen Bananenbäume.
Die Chefin des Hotels empfiehlt uns zwei Restaurants fürs Abendessen und da sie selber in die Stadt hinauf muss, nimmt sie uns mit.
Das Restaurant wäre in Deutschland eine etwas bessere Imbissbude: weiße Plastikstühle, der obligatorische Fernseher läuft, die Wände könnten einen neuen Anstrich wirklich sehr gut gebrauchen, die unglaublich kitschigen Bilder (chinesische Landschaft in Metallic-Farben) haben noch die Pappschutz-Ecken an. Aber wir haben Hunger, die Pommes und das Bier schmecken, der Inhalt des eigenen Tellers ist irgendwann dann doch interessanter als das Drumherum. So verschieben sich die Prioritäten.
Am nächsten Morgen machen wir einen Rundgang durch die Stadt. Im Hotel gibt’s kein Frühstück (wohl, weil wir – es ist Nebensaison – die einzigen Gäste sind). Der Kaffeedurst treibt uns voran. Die Region um Zaruma ist auch berühmt für ihren Kaffee, er wird organisch und in einer Kooperative angebaut. Fast alle Geschäfte bieten ihn an (Wir kaufen zwei Pakete in einem Farben- und Tapetenladen…). Da ist doch anzunehmen, dass es hier irgendwo ein nettes Café gibt, wo er auch ausgeschenkt wird?! Wir finden ein Café. Wir bestellen Frühstück und dazu Kaffee mit Milch. Es kommen: drei Tassen heiße Milch, ein Zuckertopf – und eine kleine Karaffe mit flüssigem Kaffeekonzentrat. Wir rühren uns unseren Kaffee zusammen…
Tito, der in allen Reisebüchern als “Geheimtipp” und kundiger Touristenführer, genannt wird, finden wir zunächst leider nicht. Aber die offizielle Touristeninformation hat eine Karte für uns, zeigt uns wo wir ein stillgelegte Mine besichtigen können. Dort müssen wir zwar unsere Wanderschuhe gegen Gummistiefel tauschen und hübsche orangene Helme anziehen – aber der Gang in den Stollen ist eher langweilig: Es geht etwa 500 Meter geradeaus in den Berg, zwischendurch steht da eine als Minenarbeiter verkleiderte Schaufensterpuppe. Dann ist Ende, es kommt nur noch ein großes Eisengitter, von wo aus der Gang sich verzweigt und bis weit unter die Stadt führt.
Auch ein Kurz-Film über den Goldabbau in Zaruma ist nicht sehr informativ. Die Stadt und der Goldabbau werden als Wirtschaftsmotor für die Region gepriesen. Über die Rolle der Spanier, die allein 2700 Tonnen Gold aus dem Berg geschafft und damit unter anderem ihre Staatsschulden bei den europäischen Nachbarländern bezahlt haben sollen, wird geschwiegen.
Das erfahren wir erst am nächsten Tag (wir haben tatsächlich ein Café gefunden, in dem es Filterkaffee gibt und ein Frühstück mit “Tigrillo” – ein Gericht aus Kochbananen und Ei, das nicht nur Minenarbeitern Kraft gibt!), als wir am späten Nachmittag – die Kirche im Rücken, den kleinen Park vor uns, in einem der Kolonial-Gebäude zur Linken – Tito doch noch ausfindig machen.
Er erklärt uns, wie schon die Inka – allerdings nur an der Oberfläche – Gold abgebaut haben (das Gestein wurde fein gemahlen, in den runden flachen Tellern ausgewaschen und die Goldkörner per Hand aussortiert). Wie später die Spanier das Gold mit Hilfe von hochgiftigem Quecksilber aus dem Gesteinsmehl heraus getrennt haben. Und wie sie quasi den gesamten Reichtum einkassiert haben.
Noch heute leben mindestens 70 Prozent der Menschen in Zaruma von der Goldgräberei. Es gibt Firmen, die das Gold in großem Stil abbauen, aber auch Privatleute, die auf eigene Faust buddeln. Viele von ihnen hegen die Hoffnung, ein “ojo de oro”, ein Goldauge, zu finden; einen Klumpen Gold von einem Kilo oder sogar mehr. Sozusagen der Lottogewinn. Denn der Claim von der Größe eines Hektars – die Schürfrechte verkauft der Staat Ecuador, der grundsätzlich alles besitzt, was unterhalb der Erdoberfläche liegt – kostet einen Dollar. Wer dort Gold findet, dem gehört es. Im Normalfall jedoch muss eine Tonne Gestein abgetragen, aus der Mine nach draußen geschafft und gemahlen werden, um 6 Gramm Gold zu erhalten (wobei das nicht mehr mit Quecksilber, sondern mit Aktivkohle ausgeschwemmt wird). Trotz Maschineneinsatz eine Knochenarbeit – oft für die ganze Familien, inklusive Kinder.
Neben Gold werden auch immer wieder Quarze gefunden, die aber keinen wirtschaftlichen Wert haben. Tito hat in seinem Büro eine ganze Sammlung davon, sowie einige kleinere Steine, in denen sehr gut die Goldeinschlüsse zu erkennen sind. Er kann auch einen Besuch in Minen vermitteln, in denen noch gearbeitet wird – was wir aus Zeitgründen leider nicht mehr geschafft haben.
Noch ein kleiner Spaziergang durch das nächtliche, nebelverhangene Zaruma: die hübsch angeleuchtete Kirche lässt die vielen unverputzten, halbfertigen, schmutzigen, an die Hänge geklebten Häuschen vergessen, die wir über Tag gesehen haben.
Schlagworte: Gold, Goldgräber, Goldminen, Hotel Roland, Tigrillo, Tito, Zaruma