6. Februar 2008. Unser Trip in den Urwald ist beendet, das war ein kleiner Reinfall. Oder sollte ich besser sagen: Wasser-Fall?!
Wir haben uns Sonntagabend mit Stephanus und Marcela getroffen, um zu planen, was wir über die Karnevalstage machen. Erst hatten wir vor, nach Gualaquiza zu fahren, also Richtung Oriente (=Urwald). Leider hat sich aber herausgestellt, dass die Straßen dorthin wegen der anhaltenden ausgiebigen Regenfälle in ganz Ecuador (im Norden an der Küste gab es zum Teil schwere Überschwemmungen) zu schlecht waren und man nicht mehr durchkommt. Dann haben wir über die Küste nachgedacht, sollten wir nach Jambeli fahren (wo Marcela und Peter beim letzten Mal aber fürchterlich von Moskitos zerstochen worden waren) oder vielleicht in ein Super-Duper-Nobelhotel so richtig entspannen? Aber gerade an der Küste bedeutet Karneval – ganz ähnlich wie bei uns – Besäufnis & Halli-Galli. Oder sollten wir uns doch in Gualaceo, knapp 30 km von Cuenca, ins Karnevalsgetümmel schmeißen mit Wasserschlacht und allem Drum und Dran?
Wir waren uns einig: Uns zog es in wäremere Gefilde (auch wegen gerade überstandener Erkältungen) und wir wollten auf gar keinen Fall Regen (wie derzeit in Cuenca) – warum also nicht woanders in den Urwald fahren? Zum Beispiel nach Limón? Der Reiseführer beschreibt den Ort – besonderer Tipp von Jutta Paffenholz aus Köln (wenn ich die erwische!!!) – als romantisches 3000-Seelen-Nest mit ein paar Hotels auf der Hauptstraße. Und mit einem Fluss, dessen natürlich ausgewaschene Becken und hübschen Wasserfälle zum Baden einladen. Und auf der Karte sah das gar nicht so weit weg aus. Das hörte sich doch gut an!
Am Montagmorgen ging es los. Wir sind über die Karnevalshochburg Gualaceo gefahren und haben da – nach einem Stau! – erst mal Mittag gegessen, was sehr, sehr lecker war: Es gab Suppe, wahlweise Locro de Papa oder Suppe mit Schweinefleisch, Bohnen und Mote – letzeres ist eingweichter, aufgequollener und aufgeplatzter Mais, danach Buffet: mit panierten & fritierten Camarones, Hühnchengekochtem, Schweinegegrilltem, Bohnengemüse, Reis, Salat, Llapingachos (sprich: Japingatschos – das sind kleine Küchlein aus Kartoffelpürree). Und als Nachtisch eine in Zuckerrohrsirup eingelegte Feige mit Käse (der Mozarella-mäßig, aber leider salzig war).
Und wir haben uns köstlich amüsiert über die Wasserschlachten: Am Straßenrand standen triefnass die Leute und kippten aus bunten Plastikeimern und -schüsseln Wassser auf die vorbeifahrenden Autos. Natürlich in erster Linie auf die offenen: Pritschenwagen mit Familien hintendrauf, LKWs ohne Planen mit Gruppen von Jugendlichen auf der Ladefläche – die haben es besonders abgekriegt! Manche hatten auch ihre Gartenschläuche auf den Bürgersteig verlegt und sprühten damit die Leute ab. Ganz zu schweigen von den vielen Wasserbomben. Vor uns fuhr ein Mini-LKW, der nicht nur Leute, sondern auch einen Wassertank geladen hatte (so ähnlich wie die Tanks für Kuhmilch, nur etwas kleiner) – und die wehrten sich ganz tapfer nach allen Richtungen.
Dann fuhren wir raus aus Gualaceo – und kurz darauf hörte die asphaltierte Straße auf. Es gab nur noch Schotter und Feldweg. Zum Glück hatten wir einen Jeep und ist Stephanus ein erfahrener Fahrer, denn Schlagloch reihte sich an Schlagloch auf der ausgewaschenen Piste, die zunächst noch durch tiefe grasbewachsene Täler mit angepflockten Kühen und an einzelnen Bauernhöfen vorbei führte. Bald änderte sich die Landschaft: Keine Menschen mehr, dafür ein wildes moos- und flechtenbewachsenes Gestrüpp und eine Art Busch-Teppich, dazu dichter Nebel. Meist verlief die Piste entlang eines Berghangs, neben uns ging es tief und tiefer runter ins Tal – natürlich gab es weder Leitplanken noch sonstige Absperrungen – nur hin und wieder mal ein etwa 30 cm hohes Mäuerchen.
Es wurde immer feuchter und kälter je höher wir kamen – wir mussten über einen 4088 Meter hohen Pass. Nur wenige Autos kamen uns entgegen, kilometerlang keine Menschen. Die Vegetation wandelte sich, statt des Gestrüpps nun hohe Bäume, bewachsen mit anderen Pflanzen; gigantische Farne mit bis zu zwei Meter langen Blättern, Palmen – ein dichtes üppiges, grünes Gewirr aus den verschiedensten Gewächsen (von denen ich einige wiedererkannte: in Deutschland gibts die als Miniversion in Blumentöpfen). Eine kleines Nest (drei bis vier Häuser) mit dem klangvollen und etwas vermessenen Namen “Plan de Milagro” (”Wunderplan”) mit einer winzigen Polizeikontrollstation, wo Pass und Führerschein von Stephanus angeschaut wurden. Zwischendurch kleine Wasserfälle, die zum Teil die Straße überfluteten oder ausgewaschen hatten sowie dicker Schlamm. Und endlich, am späten Nachmittag: Limón.
Auch hier am Rand der Pflasterstraße mitten durch den Ort klitschnasse Jugendliche mit Schüsseln – die uns sehr erstaunt anguckten. Als wir unser Hotel erreicht hatten, knallten gleich zwei Wasserbomben aufs Autodach – und wir hockten erst mal im Jeep und knobelten, wer denn nun als erster aussteigen soll… Das “Dream House” entpuppte sich als ein relativ neues Gebäude, eingequetscht zwischen zwei anderen Häusern, Fenster vorne, Fenster hinten. Im Erdgeschoss ein “Restaurant”, also ein Raum mit Tischen und Stühlen, mit einem Tresen, der zugleich Hotelrezeption und Kiosk (für Süßigkeiten, Getränke, Toilettenartikel) war.
Im ersten Stock wohnten die BesitzerInnen, darüber dann eine Etage mit einem Bad und den Zimmern: zwei nach vorne heraus zur Straße, mit Sicht auf das gegenüberliegende Hotel; zwei nach hinten, mit Sicht auf Wellblechdächer, die Wäsche der Nachbarn, die nächste Parallelstraße mit bunten Holzhäusern und die grün zugewuchterten Berge, die das Tal begrenzten und deren Spitzen in Nebel und Wolken gehüllt waren. Die Zimmer hatten alle einen schönen Holzboden, der aber leider mit verfusselten Teppichen zugelegt war. Wir wählten die zwei nebeneinanderliegenden, etwas helleren Zimmer nach hinten mit der schöneren Aussicht. Die aber – wie sich später herausstellte – einen kleinen Nachteil hatten: Die Küche gleich unten drunter. Das Zimmer von Peter und mir war wenig größer als das große Bett, es war sauber, es gab einen Fernseher! – aber ein leichter Muffelgeruch erfüllte die Luft. Den nahmen wir aber zum Glück bald nicht mehr wahr – dank der Küchengerüche, die direkt vor dem Fenster aufstiegen. Es gab Pommes…
Aber jetzt wollten wir Limón sehen! Also raus aus dem “Dream House” auf die Straße, immer mit vorsichtigem Blick nach oben, ob nicht etwa von einem der Balkone eine neue Wasserbombenattacke… Vorbei an bunt angemalten, verschrabbelten Häusern, zum Teil aus Holz zusammengezimmert. In den kleinen Gärtchen Papayabäume, Bananenpalmen und oft ein paar Hühner. Guyaba-Bäume entlang des Flüsschens. Wir entdeckten einen Schmetterling, weit größer als meine Hand, der uns ein paar mal umflatterte. Zwei ältere Frauen, die am Straßenrand auf Stühlen vor ihrem Haus saßen, den Grill aufgebaut hatten und gemütlich in der Abenddämmerung schwatzten, lächelten über unsere Begeisterung. Auf der Straße – wie eigentlich immer – freilaufenden Hunde.
Es wurde dämmrig und bald waren wir einmal ums Dorf gelaufen, hatten die Schule entdeckt, einen heruntergekommenen Flachdach-Bau, der aber einen Computerraum hatte. Aus einer Stereoanlage dröhnte Musik, beschallte das ganze Tal mit dem allgegenwärtigen “Reguetón”. Irgendwann sauste ein Junge auf einem Fahrrad auf uns zu, in der Hand: Peters Kamera! Ob die uns gehören würde? Ja! Danke! Der Klettverschluss musste sich gelöst und die Kamera mir unbemerkt vom Gürtel gerutscht sein. Wir waren ein bisschen überrascht, dass wir das teure Stück zurückbekommen haben. Abendessen gabs im Hotel: eine “Gemüsesuppe” (Nudeln sind anscheinend auch Gemüse) und Reis mit Fleisch und Salat und Spaghetti mit Rührei und einem Stück Avocado. Dazu genehmigten wir uns viel Bier.
Am nächsten Morgen, so war unser Plan, wollten wir zu den Wasserfällen spazieren und uns die natürlichen Badewannen im Fluss – zumindest angucken. Aber es regnete in Strömen, wir beschlossen abzureisen. Und uns verging die Lust, auch nur noch einen einzigen Schritt in diesem nassen, trüben, nebligen, bei diesem Wetter so tristen Ort zu machen. Also alle rein ins Auto.
Erst starteten wir noch den Versuch, zu den Kaskaden zu fahren. Aber der Weg war weit und nicht besonders gut, es regnete immer heftiger – also wieder zurück auf die Abenteuer-Piste nach Cuenca. Die bei dem Wetter natürlich nicht eben besser wurde. Stephanus munkelte, Jutta aus Köln müsse sich während ihres Aufenthalts heftig “in einen Shuar-Krieger verliebt” haben. Nur so konnten wir uns ihre Beschreibung von Limón und Umgebung erklären. Drei Stunden Geruckel und Geschuckel, Gerutsche, Gewackel und Geschlitter durch dichtes Grün – das brave Auto hat alles mitgemacht – dann waren wir wieder in Gualaceo auf “richtiger” Straße unterwegs.
Und damit wir wenigstens noch ein bisschen Erholung bekommen würden, sind wir nach “Baños” (nicht zu verwechseln mit Baños de Ambato), etwas außerhalb von Cuenca gefahren. Nachdem wir ein üppiges Mittagessen verspachtelt hatten – mit Llapingachos, Reis, Salat, gegrilltem Fleisch, Avocado, Salat, Mote mit Ei – sind Marcela und ich zum “Spa” – die “Jungs” ins Schwimmbad. Statt Sauna gibt es sogenannte “Cajones”, Kisten, in die man sich reinsetzt und die dann geschlossen werden, so dass nur noch der Kopf herausschaut. Drinnen ist ein Hebel, mit dem man heißen Dampf einleiten kann, so dass man/frau ordentlich ins Schwitzen kommt. Nach etwa einer Viertelstunde wird man rausgelassen, mit kaltem Wasser abgespült (eher “abgeschreckt” wie ein gekochtes Ei!), kriegt was zu trinken und muss wieder rein.
Die ersten beiden Male habe ich noch gut geschafft – aber das viele Essen kurz zuvor ist mir nicht bekommen: Mein Kreislauf wollte nicht mehr und ich musste raus aus der Kiste. Marcela hat das überhaupt nix ausgemacht, die saß fröhlich da und schwitzte vor sich hin! Danach gabs noch eine feine Schlammmaske ins Gesicht und einen Joghurt mit Früchten als kleinen Snack. Die ganze “Behandlung” dauert etwa eine Stunde, Kostenpunkt: 4 $. Es gibt auch noch die Möglichkeit, sich massieren zu lassen – das mach ich dann beim nächsten Mal (auf nüchternen Magen).