Silvester in Quito

31.12.2007, Quito. An Silvester sind wir morgens mit dem “Trolebus” (dem Elektrobus) zunächst mal Fruehstuecken gefahren, ins Café Kolibri. Wir hatten Lust auf etwas Abwechslung anstelle der zwei süßen Broetchen mit Butter und Marmelade und des völlig vermilchten Nescafés und waren außerdem viel zu spät dran fürs Fruehtueck im Hotel, das es nur bis 10 Uhr gab (am ersten Morgen sind wir um fuenf vor zehn aufgetaucht und haben erst mal einen Rüffel kassiert…).

Das Cafe liegt in der Neustadt und wir haben es auch rasch gefunden: Ein rarer Platz der Stille inmitten des Trubels. Ein alter mächtiger Baum mit roten Blüten auf einem kleinen Hof, darunter schwere Tische und Stuehle aus Holz, das Innere des Cafés sah auch sehr gemütlich aus. Der Besitzer ist Deutscher und war auch selber da und hat uns bedient - und da wir zeitweise die einzigen Gäste waren, sind wir schnell ins Quatschen gekommen. Und ja, es gibt tatsächlich Kolibris, die die Blüten des Baumes umschwirren.

“Herr Kolibri” ist weit gereist, hat schon einige Falten im Gesicht, strahlend blaue Augen und trägt die weißen Haare etwas länger, er ist groß und schlank, und es machte im offensichtlich Spaß, mit uns zu erzählen. Das Café hat er schon seit 12 Jahren und eigentlich würde er gerne wieder weiterziehen: “Ecuador ist ein junges Land, viel ist im Umbruch, da braucht es Energie. Jetzt habe ich die noch, aber wie sieht es in zehn Jahren aus? Habe ich dann noch dir Kraft?” Aber wohin? Noch hat er keine Idee.

Nach diesem sehr ausgedehnten Frühstück sind Peter und ich zur “Teleferico” gegestapft, einer Seilbahn die auf 4.100m fährt. Es gibt zwar kostenlose Busse rauf - aber wir hatten uns entschieden, zu Fuß zur Station zu gehen. Ein ganz schoener Anstieg! Ich war ziemlich ausser Atem und musste viel Trinken zwischendurch. Vorbei ging es an kleinen Läden, ziemlich heruntergekommenen Wohnhäusern - die haben übrigens fast alle Gitter vor den Fenstern, Gitter vor den Balkonen, Zäune und Mauern um das Grundstück und letztere sind meistens obenauf mit Scherben oder umgedrehten, abgebrochenen Flaschenhälsen “dekoriert”.

grusel hundWeiter ging es an Eukalyptusbaeumen vorbei, die herrlich dufteten, wir haben einen sehr netten Hund mit sehr gruseligen, da ganz hellblauen, fast weißen Augen, getroffen. Und irgendwann standen wir vor einer riesigen Halle mit Panoramafenstern - in der aber nichts war; außer viel viel Platz. Ein paar Geschäfte hatte es gegeben, die waren aber schon wieder zu. Das Ganze erinnerte eher an einen kleinen, verlassenen Flughafen, als an eine Seilbahnstation.

Die Seilbahn selbst scheint recht neu zu sein, die Fahrt damit dauert etwa sieben Minuten. Ich konnte das leichte Geschaukel in der Kabine einigermaßen aushalten, denn der Blick auf Quito war wirklich beeindruckend: Die Stadt ist riesig und zieht sich weit durch das ganze Tal und seine Nebentaeler. Der Reiseführer sagt, die Stadt breitet sich auf einer Länge von etwa 40 Kilometer aus. Oben angekommen gibt es einige kleine Cafés, ein sehr hübscher junger Mann spielte Panflöte, ergänzend zu der scheppernden Musik aus dem Kassettenrekorder (ich hatte aber den Eindruck, er spielt immer das gleiche…).

p1030480-kopie.jpgWir haben uns einen Moment ausgeruht und sind dann einfach losgelaufen, den Weg zum nächsten größeren Berg, noch ein bisschen höher. Die Höhenluft hat mir zum Glück fast nichts ausgemacht, das Atmen hat geklappt wie immer. Nach etwa einer Stunde haben wir gerastet, leckere Kekse gegessen und uns in die Sonne gelegt, die wieder aufgetaucht war und auch die Wolken vertrieben hat. Ein schöner Tag, der mir richtig Lust auf ausgedehntere Wanderungen gemacht hat. Es hat gut getan, mal ein paar Stunden aus dem Stadttrubel raus zu sein.

Wieder zurueck im Hotel tauchte dann die Frage auf, wie wir denn nun den Silvester-Abend verbringen. Das Problem: Alle Restaurants machen vor 12 zu. Es ist ueblich, dass die Leute mit ihren Familien zusammen sind und zu Hause feiern. Wir sind in die “Vista Hermana” (die schoene Aussicht), ein Restaurant im fuenften Stock (mit einem Holzaufzug mit Fahrstuhlfuehrer!), einer grandiosen Dachterrasse und Blick auf die Stadt, die beleuchtete Kathedrale, die angestrahlte “Virgen de Rosaria” - wunderschoen.

Der Gedanke an die gigantischen Silvesterparties, die man hier feiern koennte, haben uns fast die Traenen in die Augen getrieben! Aber das Teil machte um neun Uhr zu und wir waren quasi die letzten und einzigen Gaeste. Es gab nur Pizza (sehr lecker!) - aber der Kellner hatte uns irgendwie ins Herz geschlossen, spendierte uns eine zweite Flasche “Pilsener” (in echt! Ecuadorianisches Bier!!) und - obwohl es eigentlich kein postre (Nachtisch) mehr gab, hat er noch ein Stueck koestliche Schokoladentorte aufgetrieben.

Wir sind dann einfach von dort aus los und durch die Strassen von Quito gezogen - und da gab es einiges zu sehen! Es gibt den Brauch, das hatte ich auch schon im Reisefuehrer gelesen, dass sich die Maenner als Frauen verkleiden und an Strassenkreuzungen die Autos aufhalten, die Maenner tuechtig anbaggern und einen kleinen Obulus verlangen, damit sie aus dem Weg gehen und die Autos weiterfahren koennen. Peter und ich hatten uns eine kleine Flasche “Zhumir” mit Zitronengeschmack (sprich “Schumir”, einen Schnaps) gekauft und sassen nun also auf ein paar Treppenstufen nahe an einer solchen Kreuzung und verfolgten das Geschehen.

Der Typ an dieser Kreuzung legte echt den ganzen Verkehr lahm, hatte auch gar keine Scheu vor die Busse zu springen und auch die Taxen anzuhalten, von denen es natuerlich kein Geld gab - aber darum ging es auch nicht. Der machte eine Show: wackelte mit dem Hintern, griff sich an den gigantisch ausgestopften Busen, quietschte rum, raffte die Roecke und baggerte, was das Zeug hielt… wenn da der dicke schwarze Bart, die muskuloesen Arme mit dem Tattoo nicht gewesen waeren. Es war wirklich zu komisch.

Und in einer Pause ohne Auto kam er ploetzlich schnurstracks auf uns zugerannt und stürzte sich auf meinen Peti! Zum grossen Vergnuegen zweier suesser kleiner Maedchen von vielleicht vier oder fünf Jahren, die mit glänzenden schwarzen Augen, klar, die schwarzen Haare zu Zoepfen mit Schleifen geflochten, in feinen Kleidchen, kichernd das Geschehen - und meine matten - da sprachlosen - Verteidigungsversuche beobachteten. Peter war natuerlich voll angetan und hat mitgemacht, schliesslich einigten wir uns dann bei einem gemeinsamen Schluck Schnaps drauf, dass Peter doch bei mir bleiben darf. Glueck gehabt!

So ging das dann weiter, den ganzen Weg zurueck zum Hotel. An jeder Strassenecke schnappten sich die “Meadels” den Peter (manche waren auch bereit, mit mir auf der Kreuzung zu tanzen), alle waren unglaublich freundlich und wir haben uns kaputt gelacht. Mit dem Schnaps konnten wir uns immer fein “freikaufen”. Auch die Leute am Strassenrand waren neugierig. Ich habe meinen Becher mit einem uralten Mann geteilt, der nur noch zwei Zaehne im Unterkiefer hatte, eine Kappe auf, ein runzliges dunkles Gesicht - er lachte und meinte, ich solle doch nicht allein trinken, woher ich denn kaeme? Aus Deutschland, ah ja, klasse, ein gutes Land! Und dann brachte der Sohn Anisschnaps, den dann Peter und ich probieren mussten. Also fast so wie bei uns an Karneval. Es gab kein Entkommen!

Wir waren dann doch erleichtert, als wir wieder im Hotel waren - bei dem ganzen Alkohol - wir wollten ja nicht versacken… “Gefahr” war nirgends, in keinster Weise. Es war eine friedliche, lustige, aufgekratzte Stimmung - und, wie gesagt, die Leute waren freundlich und neugierig. Eine tolle Erfahrung. Um zwoelf sind wir dann noch mal vor die Tuer, in den Innenhof des Hotels und haben Feuerwerk - und den unglaublich dicken Dunst von den Krachern und - das habe ich noch gar nicht erwaehnt - von den verbrannten Puppen (aehnlich wie der “Nubbel” an ASchermittwoch in Koeln) angeguckt - und an euch gedacht!

nubbel-w.jpgDiese Puppen werden schon Tage vorher gemacht und am Strassenrand verkauft, echte Klamotten werden mit Stroh ausgestopft, es werden - zum Teil sehr kunstvolle - Masken als Gesichter angebracht. Manchmal ist es Bart Simpson, ich habe auch Sponge-Bob gesehen, Monster, ausserirdische Wesen, Comic-Helden oder Politiker. Die Groesse varriert: von 50 cm aufwaerts. Manche schnallen die Puppen auch auf ihre Autos und fahren tagelang damit rum. Sie verkoerpern “das Boese”, das, was man loswerden will, was mit dem alten Jahr dahingehen soll. Deshalb werden sie auf der Strasse verbrannt (am naechsten Tag waren ueberall die Aschehaufen zu sehen).

Das war Silvester. Ein toller Start fuer uns ins neue Jahr.

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